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16. Jan. 2006 

„Wo die Kultur anfängt, hört der Spaß auf“ – könnte meinen, wer dem Klagegeschrei zuhört über die Abkoppelung bildungsferner Schichten, die kaum noch Theater besuchen, keine klassischen Konzerte genießen und moderner Kunst fernbleiben. Der Wert der „klassischen Kultur“ wird nicht bestritten, und der Zwischenrufer selbst gehört zu ihren Genießern.

Dennoch ist hier die Rede von etwas zu meist rückwärtsgewandtem, dem selbst in sublimer Neudeutung Konservatives innewohnt. Nun ist Bewahren eine große Tugend und differenzierte Geschmacksbildung zum Erkennen der Unterschiede bei verschiedenen Interpreten ein und desselben Stücks für manchen großer Zugewinn. Aber darf dies das Herzstück kultureller Bildung sein. Ich glaube nicht.

So sehr der intelligente Mensch, Erbe und Geschichte nicht als etwas Erledigtes versteht, sondern als selbstverständlichen Ausgangspunkt seines Weges, so sehr hat der Wanderer aber einen neuen Horizont, nahe und ferne Stolpersteine, vorbeiziehende vertraute und fremde Kulissen vor Augen und sieht vielleicht nur noch zur Orientierung zurück.

Und der Surfer auf der Bugwelle der Zeit richtet sich auf die nächste Welle ein, wechselt den Horizont und das Ziel wenig freiwillig, aber wenn er zu surfen versteht, den Gewalten scheinbar ausgeliefert, doch selbstbestimmend.

Und natürlich wird dabei auch Wasser geschluckt, gibt es hilfreiche und weniger begeisternde Wellen, aber sie sind die Herausforderung und sie rollen vor einem und interessieren hinter einem nur noch mäßig.

Unsere Event-Kultur, unsere so vielfältig gesplittete Musikszene, (unser Verlust verbindlicher Maßstäbe) und auch unsere Video-Spiel-Szene z.B. ist Ausdruck moderner kultureller Vielfalt. Diese Szene ist geprägt von Leidenschaft, Phantasie und Beharrlichkeit, den Tugenden der Kunst.

Natürlich gibt es darunter auch Schrott. Den gibt es auch im Werk von Goethe oder im Stadttheater. Qualität wird erkennbarer durch das Mißlungene und Ärgerliche. Der Teufel ist Teil der Schöpfung.

Und das wissen auch die Ego-Shooter. Ausbruch funktioniert eben nicht mehr bei Betrachten von Marterqualen des Hieronymus Bosch, sondern unter Umständen beim Allmachtsgefühl des Mannes mit der Laser-Pistole. Es gibt keinen Nachweis darüber, daß diese Spiele junge Menschen aggressiver machten, oder ihre Agressionen förderten, keinen wissenschaftlichen Nachweis. Der Hieronymus-Bosch-Kitzel ist, daß ich mir Genuß an Gewalt vorstellen kann. Und da ist ja auch etwas dran. Und dann doch besser so befriedigt.

Aber sollte man nun auf kulturelle Bildung verzichten, Alles „dem Markt“ überlassen. Der Bürger zum Kunden reduziert wird zum Opfer seines eigenen Marktes. Kultur und Kunst wollen als Medien verstanden und genossen werden, also ist Medienkompetenz gefragt, kritisches Durchdringen der Angebote, aktive Auseinandersetzung und Teilhabe. „Medienkompetenz“ ist kulturelle Bildung im besten Sinne. Fröhliche Aneignung statt moraliner Verlustklage.

„Wo der Genuß anfängt, dort findet sich Kultur“.

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