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26. Sep. 2002 

Als 1994 dem damaligen Generalkosul des Landes Israel die Verrenkungen und Bemühungen eines Westdeutschen vorgetragen wurden, der unbedingt Jude sein wollte, und bei dem sich schließlich herausstellte, daß er keiner war – religiös nicht und nationalsozialistisch definiert auch nicht, meinte der Generalkonsul lakonisch: Warum laßt Ihr ihn nicht, wenn er unbedingt will! Und es schloß sich eine Debatte an: darf der Mensch sein, was er will? Ein mitteleuropäischer Indianer, ein weißer Schwarzer, ein jüdischer Sinti- und Roma-Sympathiesant, wenn „eines nicht ausreicht“?

Was er ist, darf er selbstverständlich; was er sein will auch, solange juristische – und das meint doch ökonomische – Beziehungen nicht tangiert sind.

Fürchterlich sind die religiösen Besitzstände. Natürlich sind viele Gläubige aller Konfessionen zu schwach und zu wenig zivilisiert, um auf einen Alleinvertretungsanspruch (s. dominus iesus) von Wahrheit verzichten zu können, aber es muß sich doch langsam herumgesprochen haben und durchsetzen lassen können, daß Glaube ein individueller Glaubensakt ist, der kostbar dem Gläubigen gehört, zu achten ist, aber Verbindlichkeit über den Glaubenden selbst hinaus nicht beanspruchen darf.

Ein guter Freund, der weiß, daß ihm Antisemitismus fremd ist, alberte, warum müssen denn hier Kellner ein Käppie tragen, ist denn hier was heilig? Und koscher essen die vermutlich antiker Hygieneprobleme wegen. Schon diese Blödeleien und Halberklärungen verweisen auf den Nährboden, der viel mit Antisemitismus zu tun hat. Und lassen die Achtung vermissen, vor denen, die ihren Alltag segnen, um ihren Glauben zu leben und zu bekennen. Wenn der Katholik sich mit Weihwasser beim Betreten der Kirche segnet oder Kniebeugen vorm Allerheiligsten macht, dann sind das seine Benefikationen, die zu achten sind.

Aber gerade die „jüdische Sache“ (fest in christlicher Hand, aber auch in atheistischer) hat es in diesem Land besonders schwer. Nicht allein durch die Verblödeten von gestern, nein auch durch die Liebenden von heute. Viele, die den Reichtum der jüdischen Religion, Tradition und Geschichte, die jüdischen Leistungen für Wissenschaft und Kunst entdeckt haben, markieren ihre Entdeckung mit Besitzanspruch und sehen eifersüchtig auf die anderen goijim-fans, verteidigen ihre frisch erworbene Kompetenz eifersüchtig.

Die organisierten Fans, aber auch die jüdischen Gemeinden sind ihnen dabei durchaus behilflich. Ist einerseits ein gesundes Mißtrauen gegen Philosemitismus durchaus notwendig, so sind andererseits leidenschaftliche Kämpfe um religiöse und kulturelle Besitztümer und Wahrheiten oft emotional so zerstörerisch, daß ich mich frage, wo sitzen eigentlich die Gegner? In der Gemeinde? In Vereinen und Gesellschaften? Oder im rechten Lager?

Ich bin der festen Überzeugung: Wer wirklich glaubt und sich seinen Glauben nicht leicht macht, zeichnet sich durch die Anerkennung anderer Glaubensakte aus, gewinnt nicht nur Toleranz sondern Vergnügen an der Unterschiedlichkeit der Glaubens-Kunstwerke, die allerdings – zugegebenermaßen – von unterschiedlicher Qualität sind. Dies wäre ein neues Thema.

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